Übersetzer 


Was macht einen guten Übersetzer aus? 
Der gute Übersetzer ist eine sehr komplexe Person, eine sehr widersprüchliche Person.  Er sollte Sinn für und eine enge Verwandtschaft mit mindestens zwei Sprachen haben. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Da die Übersetzung kompliziert und zeitaufwendig ist, gute Übersetzer sollten - auch wenn dies pervers klingen mag - den ewigen Kampf mit Kleinigkeiten genießen. Im besten Fall ist die Übersetzung sein - oder ihr Lieblings-Hobby. Wer Übersetzer sein möchte oder ein noch besserer  Übersetzer werden möchte, derjenige sollte auch - oder sollte sich bemühen - die folgenden erwerben: 

  • Geduld und Ausdauer. Setzen Sie sich vor Ihren Computer und rühren Sie sich nicht, bis Sie alles mögliche von sich ausgegen haben. Auf Englisch (Deutsch) nennt man das Sitzfleisch. Es macht ein paar Zentimeter dicker an der Hüfte, Sie können das aber zu jeder Zeit abtranieren. 

  • Ein kritisches Auge und der Killer-Instinkt. Die Kunst der Literatur schrumpft mit alarmierender Geschwindigkeit. Entweder editieren Sie den Text (es sei denn es ist ein Gedanke). oder bereiten Sie es zur Promovierung vor, Sie müssen ein integriertes Alarm-System, ein kleines rotes Licht entwickeln, das beim leisesten Hauch jedes ungeeigneten Wortes, Satzes oder kulturspezifischen Ausdruckes anzündet. Wenn die Sätze zu lang, mit zu vielen Informationen versehen und schwer zu verstehen sind: wenn Adjektive verdreifacht, sogar vervierfacht werden, und der Autor sich fortwährend wiederholt, um etwas mehr sagen zu wollen: wenn Sie auf sinnlose Ausdrücke stoßen, die dem Text Quantität, aber sonst wenig verleihen, dann sollte Ihr Warnungssystem aktiviert werden. Versuchen Sie nicht, nebeliges Denken oder schlechten Stil auf den übersetzten Text zu übertragen. Was nützte denn das? 

  • Aus der obigen folgt, dass der Übersetzer auch Sinn für Selbstbeobachtung braucht. Denken Sie auf diese Weise: Übersetzungen kommen nicht mit einer Fußnote sagend: "Wenn Sie glauben, dass dies ein Schmarrn ist, dann sollten Sie den Originaltext gelesen haben!" Sicher wollen Sie nicht von Ihren Lesern wegen eines schlecht geschriebenen Textes getadelt werden. 

  • Neugier und Toleranz, um Forschungstätigkeiten durchzuführen. Haben Sie jemals in die Nachrichten in der Mitte einer Reportage reingehört? Egal, wie konzentriert Sie zuhören, Sie wissen nicht, worum es in diesem Bericht geht, weil wichtige Informationen fehlen. Eine ähnliche Situation kann passieren, wenn Sie gebeten werden, einen Text, den Sie nicht verstehen, zu übersetzen, weil das nötige Hintergrundwissen für deren volles Verständnis fehlt. Sie verlassen sich also auf die Übersetzung der Worte statt der Sinne, in der Hoffnung, dass der Leser dies nicht bemerken wird. Aber die traurige Nachricht ist, dass die Leser bemerken, wenn ein Text nicht auf einem festen Fundament von Wissen und Verständnis basiert.

  • Editorische Fähigkeiten. Editorische Fähigkeiten und der Killer-Instinkt hängen eng zusammen.

  • Ein Übersetzer sollte auch ein zuständiger Entscheidungstreffer sein, denn er wird mit einer Vielzahl von Entscheidungen bei jedem Schritt auf dem Weg konfrontiert. Er sollte genießen, in einer Situation zu sein, in der Ergebnisse seiner Arbeit völlig von seinen Entscheidungen abhängen. Der Punkt ist: Beim Übersetzen geht es darum, über die für uns offen stehenden Möglichkeiten bewusst zu sein. Es geht auch um die erforderliche Ausdauer und Selbstvertrauen, um Licht auf die beste aller möglichen Lösungen in jeder einzelnen Situation zu werfen. 

  • Künstlerische Begabung. Wenn Sie etwas anderes als eine Waschliste übersetzen, dann ist es erforderlich, den ursprünglichen Text zu überprüfen, zu überdenken, neu zu formen, und in Einklang mit dem allgemeinen Gebrauch der Zielsprache und den Erwartungen seiner Leser neu zu gestalten. Denken Sie beim Übersetzen eines Textes an die völlige Neuerstellung des Originals, dh, Sie müssen groß denken. Die Übersetzung wird nur so gut sein, wie Sie sind. 

  • Ein Übersetzer muss auch ein eifriger Leser sein. Er muss mit der Fiction and Nonfiction der Zielsprache vertraut sein. Die Übersetzung ist in großem Maße eine Nachahmung und gründliche Kenntniss der Fremdsprache ist von entscheidender Bedeutung für den Erfolg. In einigen amerikanischen Hochschulen erhalten Studenten zwei Noten für ihre Arbeiten, eine für den Inhalt und eine für den Stil! 

  • Der Übersetzer muss auch ein erstklassiger Kommunikator, ein Schwätzer, eine unerschöpfliche Quelle von Worten sein, anders zu sagen, der Übersetzer soll den Prozess der Kommunikation genießen. Dies ist von fundamentaler Bedeutung. 

  • Der Übersetzer soll auch die Position des Vermittlers, eine unterbewertete Arbeit, wenn es diese jemals gab, genießen. Er muss ein brillianter Jongleur, Zauberer mit  Worten sein. Da der Übersetzer darüber hinaus als Sicherung für das Aufleuchten des Lichtes, also der neuen Version eines bereits bestehenden Textes gilt, muss er lernen, Verantwortung für das neue "Produkt" zu tragen. Auch dies ist von fundamentaler Bedeutung. 

  • Es hilft auch, wenn der Übersetzer ehrgeizig ist. Zum einen wird er zur Schau gestellt, zum anderen muss er versuchen, das Beste zu geben was er kann, unabhängig von dem Entgelt, das in einer alarmierenden Tendenz im umgekehrten Verhältnis zur Schwierigkeit der Übersetzung schrumpfen mag. 

  • Der Übersetzer sollte auch die Kunst der verzögerten Belobung beherrschen. Belobung wird sehr wahrscheinlich nicht mit großen Geldmengen, und nicht in Form eines Preises, Auszeichnung kommen, wir können die Möglichkeit aber nicht ausschließen. Der Übersetzer ist unsichtbar. Daher sollte der Übersetzer auch über eine hohe Frustrationsschwelle verfügen, um mit Ehrgeiz weiterarbeiten zu können. 

  • Der Übersetzer sollte auch der ideale Leser des Autors, ein kluger Psycholog, ein überdurchschnittlicher Gedankenleser, ein Schauspieler, eine Pantomime sein, eine Person mit Sinn für Drama, weil der Prozess der Übersetzung extrem dramatisch und dynamisch ist. 

  • Am Ende, aber nicht zu letzt sollte der Übersetzer zum Glücksspieler geboren sein, denn es gibt keine Garantie, dass seine Übersetzung gelungen ist, bis er den letzten Punkt aufs sprichwörtliche "i" gesetzt hat. Und wird auch dem Editor die Übersetzung gefallen? Und dem Leser? 

  • Das Übersetzen aus einer Sprache in eine andere ist nicht ein "notwendiges Übel", sondern eine höchst kreative und komplexe Tätigkeit.